
Ich bin Christine, und ich nähe Hirsekissen
Seit zwölf Jahren nähe und fülle ich in meiner Werkstatt in der Uckermark Kissen in Mondsichelform. Auf einem davon schlafe ich selbst, jede Nacht. Manchmal halte ich es auch einfach im Arm, weil ich immer irgendetwas im Arm brauche.
Ich habe Innenarchitektur studiert, bin zwei Jahre mit dem Fahrrad um die Welt gefahren und habe in Holland das Segelmacherhandwerk gelernt. Dass ich einmal Kissen nähen würde, hätte ich damals nicht gedacht. Aber das Kissen war schon da. Es hat nur gewartet.
Ein Lesemöbel und jede Nacht ein anderes Kissen
Für meine Diplomarbeit habe ich ein Lesemöbel entworfen, und ich musste es danach auch selbst bauen. Für die Polsterung wollte ich keine Schaumstoffe, sondern etwas Natürliches. Also habe ich gekauft, was ich finden konnte: Kirschkerne, Stroh, Dinkelspelzen, Hirseschalen. Ich habe alles in Kissen gestopft, viereckige, runde und eine Mondsichel. In der Mondsichel waren die Hirseschalen.
Die Kissen lagen in meinem Zimmer, und ich habe jede Nacht auf einem anderen geschlafen. Auf der Hirse-Mondsichel habe ich am besten geschlafen. So kamen die Hirseschalen in die Rückenlehne meines Lesemöbels. Und das Kissen blieb. Es hat mich durch die nächsten Jahre begleitet, und ich habe angefangen, welche für Freunde zu nähen und zu verschenken.
Vom Segeltuch zur Baumwolle
Nach dem Studium bin ich mit dem Fahrrad durch Osteuropa, die Türkei, den Iran, Arabien, Nepal, Indien und Australien gefahren und habe danach in Wien ein Buch darüber geschrieben. Dann habe ich in Haarlem in Holland vier Jahre lang das Segelmacherhandwerk gelernt. Nähen im großen Maßstab, mit schweren Stoffen und langen Nähten.
2014 bin ich in die Uckermark gezogen und habe mich selbstständig gemacht, als Segelmacherin und im Kunsthandwerk. Hier gibt es viele Kunsthandwerker und einen Kunsthandwerkerhof mit Laden. Ich wollte Dinge nähen, die ökologischer sind als Segel. Da fiel mir das Kissen wieder ein, und ich dachte: Ich probiere einfach aus, ob ich das verkaufen kann. Es hat funktioniert. Seitdem sind zwölf Jahren vergangen.

- Studium der Innenarchitektur in Detmold. In der Diplomarbeit entsteht das erste Hirseschalen-Mondkissen.
- Fahrrad-Weltreise von Deutschland bis Australien.
- Segelmacherin in Haarlem, Niederlande.
- Werkstatt in der Uckermark, Verkauf auf regionalen Märkten.
- Ladengalerie Quintessenz in Thomsdorf. Das Innenkissen bekommt den Reißverschluss.
- Das Komfortschlafkissen entsteht.

Säcke, ein Rüssel und das Rascheln
Die Hirseschalen kommen direkt von der Mühle, palettenweise in großen Säcken. Zum Abfüllen habe ich mir einen Automaten gebaut: einen großen genähten Sack mit einer Art Rüssel unten, den ich ins Kissen stecke. Dann fließen die Schalen hinein wie eine Flüssigkeit. Ich spüre ihr Gewicht und höre das leise Rascheln, jedes Mal.
Ein gefülltes Kissen ist für mich anschmiegsam. Es hat etwas Warmes. Ich wünsche mir, dass meine Kundinnen und Kunden genauso gut darauf schlafen und es genauso lieben wie ich.
Was ich auf den Märkten erlebe
Das Erste, was Menschen an meinem Stand tun: das Kissen anfassen. Jedes Mal kommt ein „Oh, das fühlt sich aber toll an." Dann lade ich sie auf die Liege ein, frage, ob sie auf dem Rücken oder auf der Seite schlafen, und passe die Füllung an, bis es passt. Viele sagen dann, sie bleiben jetzt zwei Stunden liegen, ihr Mann könne sie später abholen. Ich sage: „Ja, können wir gerne machen." Und alle wissen, dass sie so lange liegen dürfen, wie sie möchten.
Einmal kam eine Kundin mit ihrer neunzigjährigen Mutter. Die Tochter half ihr, sich hinzulegen, ganz langsam und behutsam. Ich hatte Gänsehaut. Und im Jahr darauf kommen Menschen an den Stand zurück, erzählen, wie gut sie wieder schlafen, und kaufen noch ein Kissen für Freunde. Das ist für mich das schönste Feedback.
Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren. Mein Kissen ist warm und weich, aber es hat keine Zauberkräfte. Ich erzähle das Positive, und dann entscheidest du selbst.

Jeden Abend, wenn ich auf meinem Kissen liege, frage ich mich, wie viele von euch gerade auch darauf liegen.
